26.2.12

Keine Wertarbeit – nirgends (650)

War am Samstag in Duisburg-Wanheim, um über Proteste und Probe-Blockaden der Anti-AKW-Bewegung gegen diverse Atommüll-, Plutonium- und Uran-Transporte durch NRW zu berichten. In Wanheim steht eine Konditionierungsanlage, in der schwach- und mittelradioaktiver Müll verarbeitet werden. Betreiber ist die Gesellschaft für Nuklear-Service, eine gemeinsame Tochter der vier deutschen Energieoligopolisten. Über die Sicherheitsstandards lassen sich allenfalls Mutmaßungen anstellen, die meisten Anwohner wissen offenbar nicht, was in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft geschieht. Kein Schild am Werkseingang, an zwei Liefertoren lediglich die knappe Botschaft »GNS«. Aus meiner Reportage:

Im Hintergrund sieht man den »Magic Mountain« mit seiner begehbaren, achterbahn-ähnlichen Skulptur - ein Freizeitpark, der auf einer dioxinbelasteten Halde errichtet wurde. Keine hundert Meter entfernt steht eine Konditionierungsanlage der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), in der radioaktives Material verarbeitet wird. (...) Petra Ben Bdida hat für den samstäglichen Protest in Duisburg ein kleines Transparent gebastelt: »Strahlend jetzt in Wanheim«, ist darauf zu lesen. »Die meisten Anwohner wissen nicht, was die GNS hier tut«, sagt die Frau, die nur 200 Meter entfernt vom GNS-Werk wohnt. Sie selbst habe nur durch Zufall und gezielte Nachfragen davon erfahren. Gespräche mit Passanten bestätigen ihre Aussage.

Die Nachbarn wollen den Grund der Proteste erfahren – und sind erstaunt darüber, dass in ihrem Wohnumfeld mit Atommüll hantiert wird. Vor dem Werkstor stehend, deutet Petra Ben Bdida auf einen Kindergarten, der allenfalls 50 Meter entfernt steht. »Hier führen die Atomtransporte vorbei, morgens um fünf!«
Matthias Schneider ist ein bisschen besser informiert: Im GNS-Werk würden insbesondere Metallteile aus AKWs gereinigt und recycelt, berichtet der Sprecher der Duisburger Grünen. Das Metall werde in der lokalen Industrie weiter genutzt. 3300 Tonnen radioaktiver Müll werde in den Werkshallen gelagert. Derweil habe die GNS einen »hohen ökonomischen Druck«, möglichst viel Material als dekontaminiert zu deklarieren. Umso weniger müsse Müll dann teuer »endgelagert« werden. Auch Schneider hat indes noch einige Wissenslücken: Was passiert mit dem Abwasser, was, wenn ein Großbrand ausbricht? Warum hat die GNS beantragt, benachbarte Hallen zu nutzen? Entsprechende Anfragen, moniert der Grünen-Politiker, lasse der Betreiber bisher unbeantwortet. Auch die Katastrophenpläne halte die GNS unter Verschluss. Für Schneider hingegen ist klar: »Wer nichts zu verbergen hat, der kann mit offenen Karten spielen.«

22.2.12

Keine Wertarbeit – nirgends (649)

Wo wir schon beim Thema »Keine Wertarbeit« sind: Das Vahrenholt-Buch »Die Kalte Sonne« ist natürlich ein ärgerlicher, interessengeleiteter Nonsens und wurde auch von mir einer umfassenden Kritik unterzogen. Dem geneigten Leser empfohlen seien meine Kolumnen Messias der »Klimaskeptiker« und Wenn Vahrenholt Recht hätte.

Keine Wertarbeit – nirgends (648)

Wunderschöner Text bei TELEPOLIS über liberale wie grüne Markt-Ideologen und ihr liebstes Steckenpferd, die Steuerpolitik. Müssen nur die fiskalischen Anreizsysteme geändert werden – und schon brummt die Wirtschaft respektive ergrünt der Markt? Eher nicht, wenn wir die nüchterne Gegenüberstellung von Hoffnung und Realität betrachten. 

Erfolgreich war demgemäß nur die »Stimulation von Autokauf, Handwerk und Minijob«. Beglückt wurden also PKW-Dealer, Kleinbürger und Marktradikale, allerdings auch das nur ein Stück weit.

Einzige Kritik am Text: Vielleicht hätte man noch schärfer die Hauptwidersprüchlichkeit der Umsteuern-mit-Steuern-Apostel herausarbeiten können. Einerseits wollen sie durch Besteuerung am Fehlverhalten X verdienen. Andererseits soll das Fehlverhalten X unattraktiv werden, indem dessen Preis künstlich erhöht wird.

Wenn aber die Umerziehung funktioniert, dann sprudeln die Einnahmen nicht ganz so dolle. Das gilt für alle diesbezüglichen Ideen – von der »Ökologischen« Steuerreform bis zur Währungsspekulationssteuer (die mir ansonsten sinnvoll erscheint).

3.2.12

Grüner Kapitalismus?

Selbst bei der Unternehmensberatung »Pricewaterhousecoopers« schwindet der »vorsichtige Optimismus«

Sinkender Treibhausgasausstoß bei wachsender Wirtschaft? Ein Mythos, wie eine Studie der Unternehmensberatung »Pricewaterhousecoopers« belegt. 2010 stiegen die Kohlendioxid-Emissionen sogar weltweit schneller als das globale Bruttoinlandsprodukt.

Wachsende Wirtschaft, substanziell sinkender Klimaschaden: Klingt paradox. Doch mancher hofft darauf – so die Freunde eines »Green New Deal«, weit voraus eilend der ehemalige Wachstums-Kritiker Ralf Fücks, Vorstand der grünen Heinrich-Böll-Stiftung. Mancher beschwört die Hoffnung schlicht aus schnödem Interesse. Insbesondere jene Greenwashing betreibenden Teile der Wirtschaft und ihrer Interessenverbände, sofern sie den Klimawandel oder dessen Bedeutung nicht gleich bestreiten lassen.

So oder so: Den Lobbyisten geht um das Weiter-Machen-wie-bisher. Das immerhin kann man dem Grünen Fücks gewiss nicht vorwerfen: Er setzt auf massive Effizienzfortschritte und Erneuerbare Energien – und strebt »Wohlstandsgewinne« weltweit an, die jedoch umwelt- und klimaverträglich sein müssten.

Aber ist das realistisch – bei fortgesetztem Wachstum weltweit, also auch im Norden? Die substanzielle Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Kohlendioxid-Ausstoß ist – zumindest bis dato – ein Mythos. Das belegt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatungs-Gesellschaft »Pricewaterhousecoopers«, die eine solche Entkoppelung für nötig, also möglich hält.

»Statt zu langsam in die richtige, bewegen wir uns derzeit in die falsche Richtung«, so das Fazit der Studie. Auch 2010 wuchsen die Kohlendioxid-Emissionen laut »Pricewaterhousecoopers«, diesmal jedoch sogar »schneller als die Wirtschaft«. Global korrespondierten 5,1 Prozent Wirtschaftswachstum demgemäß mit einem 5,8-prozentigem Anstieg der Kohlendioxid-Emissionen.

Besonders krass ist das Verhältnis in den USA (2,9 zu 4,1 Prozent), in Deutschland wuchsen Wirtschaft und Klimaschaden in etwa gleich, das selbe gilt für das Boomland China (das in den 1990er-Jahren massive Fortschritte erzielte, jedoch heute stark auf Kohlekraft setzt). Australien hingegen agierte entgegen dem Trend: Drei Prozent Wirtschaftswachstum gingen hier einher mit einer knapp neunprozentigen Senkung der Kohlendioxid-Emissionen.

Allerdings hat Australien auch die besten Potenziale: Seit Jahren gilt es als weltgrößter Pro-Kopf-Verschmutzer. Starterfolge sind da leicht zu erzielen. Gleichwohl bleibt Australien abhängig vom Kohleexport – die Kohleverstromung gilt Klimaschützern als eines der Hauptsorgenkinder.

Historische Höchstmarke
2010 erreichte die Welt, was den Kohlendioxid-Ausstoß anbelangt, einen historische Höchstmarke. Das kann eine bloße Momentaufnahme sein. Die Fragen bleiben: Kann die Weltwirtschaft weiter wachsen und können wir dennoch jene drastischen Reduktionsszenarien umsetzen, die zwecks Eindämmung des Klimawandels vonnöten sind? Kann es ein »grünes Wachstum« geben? Und das auch noch unter kapitalistischen Bedingungen?

Ein Maß dafür ist die »Carbon Intensity«, was sich noch am ehesten mit »Kohlestoffintensität« übersetzen lässt. Der Begriff beschreibt den Kohlendioxid-Ausstoß bezogen auf die Wirtschaftsleistung, wie sie das BIP (verkürzt!) beschreibt. Je höher die »Carbon Intensity«, desto mehr Kohlendioxid-Ausstoß pro umgesetztem Euro.

Wächst die Wirtschaftsleistung um drei Prozent in einem gegebenen Jahr, müsste die »Carbon Intensity« im selben Zeitraum um den selben Betrag sinken, damit die absolute Menge Kohlendioxid wenigsten gleich bleibt. Es geht in diesem Konzept letztlich um jene Effizienzfortschritte, die Böll-Stiftungs-Boss Ralf Fücks erstrebt.

»Pricewaterhousecoopers« rechnet vor: Zwischen 2000 und 2009 sank die »Carbon Intensity« im Durchschnitt pro Jahr um 0,7 Prozent – zunächst ein Grund für »vorsichtigen Optimismus«. Gleichwohl hätte sie um 4,7 Prozent pro Jahr sinken müssen, um den globalen Kohlendioxid-Ausstoß bis 2050 auf ein Fünftel zu reduzieren, trotz fortgesetztem Wirtschaftswachstum auch im Norden.

Optimismus? Verflogen!
Zwischenzeitlich ist der »vorsichtige Optimusmus« selbst bei den Unternehmensberatern verflogen. 2011 habe die Welt in Sachen »Carbon Intensity« erstmals keinen Fortschritt erzielt: »Tatsächlich haben wir die Carbon Intensity des Wachstums erhöht«. Die Studie spekuliert auch über die Gründe: Dazu zählen die kalten Winter 2010, und ein Preisvorteil von Kohle gegenüber dem weniger klimaschädlichen Erdgas, ferner ein Rückgang beim Ausbau erneuerbarer Energien.

Auch seien Fortschritte »in der Vergangenheit« nur durch »außergewöhnliche Umstände« erreicht worden: Genannt wird beispielsweise der massive Ausbau der Atomkraft in Frankreich in den 1980er-Jahren und Großbritanniens teilweiser Verzicht auf Kohlekraft ein Jahrzehnt später. Verbessert habe sich die »Carbon Intensity« beider Länder um 4,2 (Frankreich) respektive drei Prozent (Großbritannien) pro Jahr. Selbst das reicht nicht. Nicht in diesem wachstumsfreundlichen Modell.

Generell spiele der Energiemix und die Energieeffizienz eine große Rolle, so die Studie. Hier sei gar »eine Revolution« vonnöten. Die Macht der alten, schmutzigen Energiekonzerne jedoch ist groß – nicht nur in Deutschland wehren sie sich mit Zähnen und Klauen gegen jegliche Veränderung, die ihr »bewährtes« Gewinnmodell gefährdet.

Und billig wird das Ganze, auch dank früherer Fehlinvestitionen, nicht. Oder in den Worten von »Pricewaterhousecoopers«: »Viele Länder versuchen, den Einsatz erneuerbarer Energien zu erhöhen. Doch deren hohe Kosten und die finanzielle Herausforderung sind bedeutsame Hürden für den Übergang in eine kohlendioxidarme Wirtschaft.«

Derweil wird die Herausforderung nicht kleiner: Statt um 4,7 müsste die »Carbon Intensity« nach den jüngsten Rückschlägen um 4,8 Prozent pro Jahr sinken. So rechnet »Pricewaterhousecoopers« es vor. Der Übergang zu offenem Pessimismus, er dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Selbst dort.

Zuerst erschienen auf neues-deutschland.de

30.12.11

Profitable Funktionseinschränkungen

Der Autor Cory Doctorow befürchtet einen »Krieg gegen den Allzweck-Computer« (30.12.11)

Auf der Software-Ebene lässt sich Kopierschutz nicht durchsetzen. Auch die Umerziehung der Nutzer scheiterte. Also sucht die Industrie nun hardware-basierte Lösungen für ihre Probleme: In der Analyse des Science-Fiction-Autoren Cory Doctorow (derzeit Gast auf dem 28. Chaos Communication Congress in Berlin) erscheinen eBook-Reader, hippe Smartphones und andere Spezialgeräte auf einmal in einem ganz anderen Licht.

Meine »Linke, Wissenschaft und Technik«-Kolumne lesen: hier
Kolumnen-Übersicht: hier

13.12.11

Keine Wertarbeit – nirgends (647)

Warum der aktuelle Klimagipfel (Durban) scheiterte und auch der nächste Klimagipfel (Katar) scheitern wird, erklärte ich vor rund einem Jahr anlässlich des gescheiterten vorletzten Klimagipfels (Kopenhagen).

8.12.11

Wenn der iPod nur anderthalb Jahre funktionierte...

... dann wegen einer bewussten Obsoleszenz-Strategie, sagt Verbraucherschützer Klaus Müller

Klaus Müller, Chef der Verbraucherzentrale NRW, lächelt freundlich, während ich an meinem Laptop herumwerkele. Offenbar verweigert jetzt auch das eingebaute Mikrofon seine Dienste, nachdem in den letzten Jahren bereits Festplatte, DVD-Player und Teile des Gehäuses ersetzt werden mussten. Welch‘ gelungener Auftakt für ein Gespräch über mangelnde Produktqualität, das Phänomen geplante Obsoleszenz und die Gewissensbisse meines Elektro-Händlers! Ich zeichne es hilfsweise mit meinem Smartphone auf.

Herr Müller, es wimmelt nur so von neuen, von ethischen, grünen und fairen Konsumententypen. Schwierig, da den Überblick zu behalten. Können wenigstens Sie uns den Unterschied zwischen den guten alten Postmaterialisten, den Lohas und den Lovos erklären?
Es gibt Leute, die sagen, es müsse jenseits des Geldverdienens und jenseits des materiellen Genusses auch ein noch anderes Leben geben. Sie fragen sich: Wie gehe ich mit meinem Zeitbudget um, wie viel Zeit opfere ich der Karriere? Sie würde ich unter dem Begriff der Postmaterialisten sortieren. Und dann gibt es die Lohas, für die es kein Widerspruch ist, cool, trendy und ökologisch orientiert zu sein. Das bedeutet für sie auch keine Absage an materiellen Genuss. Die Lohas finden Sie meistens in Großstädten, in jungen urbanen Milieus.

Mancher spricht auch von Bionade-Biedermeier. Und die Lovos? Das Kürzel steht ja für »Lifestyles of Voluntary Simplicity«, Lebensstil freiwilliger Einfachheit.
Natürlich gibt es auch die Menschen, die sagen, sie müssen nicht unzählige Handy-Verträge und Konsumgüter haben. »Keep it simple«, halte Dein Leben einfach, ist ja durchaus kein falsches Motto. Es gibt immer eine Avantgarde. Aber wenn ich, wie hier, die Avantgarde mit der Lupe suchen muss, dann habe ich meine Zweifel, ob sie wirklich so bedeutsam ist. Die anderen beiden Gruppen, die Postmaterialisten und Lohas, sind diejenigen, die ich als relevant erlebe.

Findet nun tatsächlich der postmaterialistische Wertewandel statt, jene »stille Revolution« fort vom Konsum und hin zu immateriellen Gütern wie Gesundheit, Umweltschutz, Bildung, Selbstbestimmung, den der Sozialwissenschaftler Ronald Inglehart schon in den 1970er-Jahren prognostizierte?
Ich will da vorsichtig sein. Ich glaube, es wächst die Einsicht, dass wir mit einer zunehmenden Nutzung und Verschwendung von Ressourcen, mit dem Klimawandel und mit den Müllmassen an Grenzen stoßen. Der Planet ist endlich – um das zu verstehen, muss ich nicht studierter Philosoph sein. Diese Einsicht schlägt sich bei einigen Menschen etwa in geringerem Fleischkonsum nieder. Auch die Nachfrage nach fair gehandelten oder ökologisch angebauten Nahrungsmitteln steigt. Von einer Trendwende würde ich aber erst sprechen, wenn 51 Prozent der Bevölkerung dabei sind. Davon sind wir noch weit entfernt.

Für ethischen Konsum muss man bestens informiert sein. Er ist zumeist teurer. Und nicht jeder verfügt über genügend Recherchezeit und Geld oder überhaupt den Willen, mehr Zeit und Geld zu investieren für so etwas Profanes wie einen den Kauf eines Toasters. Was nun?
Niemand ist professioneller Verbraucher. Wenn man es den Menschen nicht wesentlich leichter macht, die Sachlage zu erkennen, dann ist das politische Ziel nicht zu erreichen.

Das heißt?
Ich gebe Ihnen zwei Beispiele, wo politische Maßnahmen Kaufentscheidungen erleichtert haben. Da ist zunächst das Bio-Sechseck. Produkte aus ökologischem Landbau sind jetzt leicht als solche zu erkennen. Noch erfolgreicher war die Kennzeichnung von Eiern, die dazu führte, dass die Verbraucher die Eier aus Käfighaltung aus den Regalen verdrängten. Das war eine bewusste, ethische Entscheidung von Millionen Konsumenten. Leider gilt das noch nicht für verarbeitete Eier, beispielsweise in Majonäsen. Dennoch: Was für eine Erfolgsgeschichte!

Neulich in der Bochumer Filiale einer großen Elektromarktkette: Der Kaufvertrag für die Waschmaschine war längst unterschriftsreif – inklusive Garantiezeitverlängerung. Der Verkäufer musste mir also nichts mehr aufschwatzen. Dennoch begann er, den Qualitätsverlust seiner Waschmaschinen, Kühlschränke und Geschirrspüler zu beklagen. Die Geräte seien heute »alle nicht mehr das, was sie vor zehn Jahren mal waren, die gehen heute einfach viel schneller kaputt«, führte der gute Mann aus. Eine realistische Einschätzung?
Sie können vermutlich Geräte minderer Qualität nicht über einen Zeitraum von zehn Jahren nutzen. Sie können aber auch nicht die Qualität einer Waschmaschine von heute mit komplexer Zeitsteuerung und einer viel besseren Energieeffizienz abwerten nach dem Motto »früher war alles besser«. Das wäre eine naiv-romantische Verklärung. Gerade bei der Energieeffizienz sind die Geräte heute um Längen besser – wenn Sie denn verstehen, dass »A+++« das Erstrebenswerte ist und nicht dank politischer Missregulierung glauben, Sie könnten auch mit »A« oder »A+« einen guten Kauf tätigen.

Die Inflation der Pluszeichen! Der Kunde wolle »es halt billig«, glaubt mein Waschmaschinenverkäufer. Außerdem werde immer mehr technischer Schnickschnack eingebaut. Doch je mehr da sei, desto mehr könne auch kaputt gehen.
Ja, wahrscheinlich!

Gleichzeitig, so der Verkäufer, koste eine Waschmaschine heute umgerechnet genau so viel wie vor der Euro-Umstellung. Botschaft: Da kann man nur Schund erwarten.
Das kann keine Argumentation sein für ein Gewerbe, das einst den Satz »Der Kunde ist König« prägte. Es gibt eine Pflicht für den Handel, Produkte zu verkaufen, die man auch seinen Freunden und Verwandten empfehlen würde. Das muss, so finde ich, der Maßstab sein. Ihre Anekdote kann durchaus authentisch sein. Aber mit einer »Wir verkaufen das, was gekauft wird«-Mentalität können wir auch ein Jahrzehnt zurückgehen und wieder Fußbälle aus Kinderarbeit verkaufen.

Mein Verkäufer hatte offensichtlich ein Problem damit, Schund zu verkaufen.
Okay, dann war das eine bemerkenswerte Form von »Ehrlichkeit«. Wenn Sie heute in einen Prospekt gucken, dann wird da nicht nur der »A+++«-, sondern auch der »A«-Kühlschrank angeboten. Es wäre ein grandioser Fortschritt, übrigens gerade für Kunden mit kleinem Geldbeutel, wenn der Handel die Kosten aufführen würde, die solch ein Kühlschrank über den gesamten Lebenszyklus erzeugt: durch Anschaffung und Nutzung. Dann würde der Kunde gleich sehen, wie teuer ihn der Kühlschrank tatsächlich kommt. Und vieles, was heute billig erscheint, wäre für jedermann offensichtlich teuer.

Für meinen Waschmaschinenverkäufer ist der Mangel an Energieeffizienz wohl eher ein Luxusproblem. Verzweifelt deutete er auf die Geschirrspülmaschine eines Herstellers, dessen Name einst wie kaum ein anderer für Wertarbeit aus Deutschland stand. Und sagte: »Das Innenleben ist jetzt aus Plastik. Nach drei Monaten fängt das an zu stinken.« Kann man auf Markennamen jetzt auch nicht mehr vertrauen?
Da kommt die Stiftung Warentest ins Spiel. Die testet gnadenlos die Qualität – ohne Rücksicht auf Markennamen. Ich persönlich würde nicht nach dem Markennamen gehen, sondern schlicht nach den Testnoten.

Kann Billiges eigentlich gut sein?
Ja. Zwar ist der Preis durchaus auch ein Indikator. Es gibt bei Haushaltsgeräten, Elektronikartikeln und sogar im Lebensmittelbereich jedoch keinen zwingenden Eins-zu-Eins-Zusammenhang, der besagt, Teures sei gut und Billiges schlecht. Das ist empirisch nicht wahr.

Mitunter ist schlechte Produktqualität Teil einer bewussten Unternehmensstrategie. Bereits Ende der 1960er-Jahre schrieb der Schriftsteller Norman Mailer über geplante Obsoleszenz. Und definierte sie als »eingeplantes rasches Unbrauchbarwerden von Produkten zwecks Umsatzbelebung«. Taugt die Analyse, um den heutigen Status quo zu beschreiben?
Ja, verändert haben sich nur die Geräte, über die wir in diesem Zusammenhang reden. Der Klassiker war damals die fast schon kartellverdächtige Absprache der Glühbirnenhersteller, die die Lebenszeit ihrer Glühbirnen künstlich auf 1.000 Stunden begrenzten. Das war nichts anderes als eine mutwillige Obsoleszenz. Heute müssten wir eher über die Lebenszeit des iPod-Akkus reden. Die war zuerst auf 18 Monate ausgelegt, was überhaupt nichts mit der Lebenszeit des eigentlichen Gerätes zu tun hat. Nach einer Sammelklage hat Apple dann ganz schnell nachgebessert, lieber schnell geeinigt bevor es zu einem abschließenden Urteil kam. Es gibt mehrere solcher Beispiele.

Etwas bekannter wurde das Phänomen Anfang des Jahres durch die die »arte«-Doku »Kaufen für die Müllhalde«. Kunden sollen dazu bewegt werden, schnell ein neues Produkt zu kaufen statt das alte reparieren zu lassen – so der Grundtenor bei »arte«.
Das gilt nicht für alle Produkte, allein schon deshalb nicht, weil sie das nicht in jeder Branche beherzigen können. Bei Lebensmitteln reden wir eher über Verschwendung und schnelles Wegwerfen von Nahrung. Bei einer Banane kann man ja schlecht bewusst Obsoleszenz »einbauen«. Ein Obsoleszenz-Produkt ist in seiner Zusammensetzung eher komplex konstruiert, damit ich ihm als Verbraucher auf den Leim gehe. Wenn ich bei einem T-Shirt eine schlechte Naht entdecke, dann fällt meine Kaufentscheidung schnell – und nicht im Sinne des Anbieters. Das Innenleben beispielsweise einer Energiesparlampe ist schwerer zu verstehen. Doch in den Verbraucherzentralen häufen sich die Beschwerden: Energiesparlampen verfügen offenbar nicht immer über die längere Lebenszeit, die den hohen Anschaffungspreis rechtfertigen soll.

Die Verbraucherzentralen wollen das Thema geplante Obsoleszenz auf die Tagesordnung setzen. Was fordern Sie?
Zum Thema Obsoleszenz gibt es noch viel zu wenig wissenschaftliche Forschung. Das ist zunächst unser Ansatz. In Nordrhein-Westfalen hat die Verbraucherzentrale nun die Chance, in die Unterstützung der Verbraucherforschung einzusteigen. Zusammen mit Wissenschaftlern wollen wir zum Beispiel untersuchen, ob es einen wissenschaftlichen Zugang zu Verbraucherproblemen. Fast zwei Drittel aller Verbraucherforscher sehen vor allem dort Forschungsbedarf, wenn es um nachhaltigen Konsum geht. Das heißt unter anderem, dass Verbraucher nicht »hinter die Fichte« geführt werden dürfen, zum Beispiel durch geplante Obsoleszenz.

Könnten längere Garantiezeiten hilfreich sein?
Wir haben bisher in Deutschland eine Gewährleistungspflicht von zwei Jahren. Das ist eine gute Regelung. Aber wenn die Garantiezeit auf vier Jahre verdoppelt würde, hätten die Unternehmen schlagartig einen Anreiz, langlebigere Produkte herzustellen. Das würde aber Widerstand bei den Unternehmen auslösen.

Und einen Aufschrei der Konsumenten: Längere Garantie bedeutet teurere Produkte. Sehr unpopulär!
Ja. Aber die Frage lautet: Betrachte ich nur den Kaufpreis, oder betrachte ich die Kosten über die gesamte Nutzungsdauer. Vielleicht würde sich dann auch mancher Verbraucher überlegen, lieber ein hochwertiges Produkt auszuleihen statt ein billiges zu kaufen.

Ein weiteres Problem ist der »moralische Verschleiß«. Funktionsfähige Produkte verlieren ihren Wert, weil sie als technisch überholt gelten. Das hypermoderne Smartphone von heute ist das peinliche Gerät von morgen und der Elektroschrott von übermorgen. Liegt das eher an echten oder an Pseudo-Innovationen?
Auch da ist ein Pauschalurteil schwierig. Es gibt sicherlich Branchen, bei denen man fragen muss, ob die Innovationen immer redlich und im Kundeninteresse erfolgen. Bei Kameras wurden im Jahrestakt die Pixelzahlen erhöht: Plötzlich müssen es 16 Megapixel sein, und 14 Megapixel wie im Vorjahr sollen nicht mehr ausreichen. Das ist erstens meist eine Scheininnovation, denn mehr Pixel führen nicht automatisch zu schärferen Bildern. Und zweitens passen die alten, teuren Objektive merkwürdigerweise nicht immer auf die neue Kamera. Auch bei Smartphones ist nicht klar, ob es sinnvoll ist, bei jeder neuen Geräte-Generation das alte Gerät nach wenigen Jahren zu entsorgen.

Also doch: Überwiegend Schein-Innovationen?
Nein. Es gibt bestimmte technische Sprünge – zum Beispiel den vom Handy zum Smartphone. Wenn Sie in einer fremden Stadt mit dem Bus fahren wollen, können Sie Ihr Smartphone mit GPS-Empfang nutzen. Und das sucht Ihnen dann die beste Bus-Verbindung. Das wäre vor zwei, drei Jahren noch nicht möglich gewesen. Jeder Verbraucher steht vor dem Problem, ob er bei bestimmten Entwicklungen mithalten will, sich ein neues Gerät zulegt, obwohl das alte noch voll funktionsfähig ist. Das ist eine legitime Entscheidung – wegen des zusätzlichen Mehrwerts. Eine solche kann man nicht bewerten, geschweige denn abwerten.

Für viele Mobilfunkkunden stellt sich die Frage des Neukaufs nicht: Alle zwei Jahre hat der Kunde vertragsgemäß das Anrecht auf ein neues Handy. Er wäre ein Idiot, würde er darauf verzichten, denn er zahlt ja so oder so den selben monatlichen Pauschal-Betrag. So wird das Anrecht zum Zwang. Wie kann man denn da regulatorisch eingreifen?
Das Geschäftsmodell basiert darauf, die Wahlfreiheit des Kunden durch lange Vertragslaufzeiten einzuschränken. Das ist auch bei vielen Strom- und anderen Verträgen der Fall. Für die Verbraucherzentralen ist es ein Dauerthema, zu fordern dann entweder die Fristen zu verkürzen oder Sonderkündigungsrechte für den Verbraucher zu verlangen. Wir fechten diese Kämpfe immer wieder vor Gericht aus.

Pardon, aber damit lösen wir das Grundproblem nicht: Bei jedem festen Handyvertrag muss ich ein neues Mobilphone abnehmen, nach zwei, vier, sechs und acht Jahren jeweils wieder eine Neues, ob ich es brauche oder nicht.
Das ist ein Problem, keine Frage. Es gibt aber zunehmend Anbieter, bei denen das nicht mehr notwendig ist. Darüber aufzuklären und Alternativen aufzuzeigen, ist eine Aufgabe der Verbraucherzentralen.

Es gibt einen Zielkonflikt zwischen Langlebigkeit und Effizienz von Produkten. Ein fünf Jahre alter Kühlschrank der Effizienzklasse »B« ist aus heutiger Sicht ein Stromfresser. Dafür verschlingt die Herstellung des neuen »A+++«-Kühlschranks Rohstoffe und Energie. Wie erkennt man den optimalen Zeitpunkt für einen Neukauf – im Spannungsfeld von Ökologie und Finanzen? Gibt es da eine einfache Formel?
Nein. Selbst für den hauptamtlichen Ökologen ist das eine enorme Herausforderung. Es gibt Institutionen wie das Wuppertal oder das Öko-Institut, die zum Beispiel so etwas wie den ökologischen Fußabdruck bestimmter Produkte errechnen – von der Herstellung über den Gebrauch bis zur Entsorgung. Wenn dieser »Fußabdruck« bei allen Kühlschränken, Handys und Schuhen neben dem Preis stünde, wäre das eine simple und glaubwürdige Kennzeichnung, die dem Kunden ermöglichen würde, mit seinem Konsum zumindest ein Stück weit die Welt zu retten.

In Sachen Effizienz gibt es eine politische Stellschraube, die sich in Japan bestens bewährt hat: Der Top-Runner-Ansatz. Heißt: Die sparsamsten Geräte setzen auf dem Markt den Standard, an dem sich neue Geräte orientieren müssen. So wird ein dynamischer Prozess ausgelöst, der die Geräte effizienter macht. Warum setzt sich dieses Prinzip nicht durch?
Weil es eine schlichte Machtfrage ist, das sieht man sehr schön in der „arte"-Dokumentation. Eine ideologische Frage dürfte es nicht mehr sein: Es gibt ja in Europa bereits die Öko-Design-Richtlinie. Wir akzeptieren, dass bestimmte Produkte nicht einfach auf dem Markt und allein durch dessen Mechanismen eine Chance bekommen. Die EU-Kommission schreibt bestimmte Standards vor. So kommen wir beispielsweise Schritt für Schritt zu standardisierten Handy-Stromkabeln. Sie können mit relativ einfachen Maßnahmen viel für den Verbraucherschutz tun. Der Top-Runner-Ansatz sollte ebenfalls in der Öko-Design-Richtlinie verankert werden.

Die Verbraucherschutzorganisationen geben sich wirklich große Mühe, die Menschen aufzuklären. Ihre Finanzausstattung ist jedoch nicht optimal – gerade dann nicht, wenn man sie mit den Werbeetats großer Konzerne vergleicht. Sind Sie manchmal deprimiert über die unfairen Kampfbedingungen?
Jetzt bin ich nicht besonders bibelfest, aber wenn ich mich recht entsinne, hat auch David gegen Goliath gewonnen. Im Ernst: Die Ernährungsindustrie etwa suggeriert uns, ihre Milchschnitten und süßen Pausen seien eine leichte Zwischenmahlzeit. In Wirklichkeit gleichen sie eher Sahnetorten. Das ist in Ordnung – wenn man Sahnetorte essen will. Ansonsten ist es eine fiese Täuschung. Da hilft nur das Bohren dicker Bretter, aber das ist man als Verbraucherschützer gewohnt. Die Politik reagiert langsam. Im Gegensatz dazu ist die Resonanz der Bevölkerung fantastisch.

Zuerst erschienen in meiner Serie Linke, Wissenschaft und Technik auf der Webseite der Tageszeitung Neues Deutschland.